Studieren mit Beeinträchtigung
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Ein Ratgeber für Studienbewerberinnen und Studienbewerber mit Beeinträchtigung

„Behindert ist man nicht, behindert wird man.“ Diese These, die die Wirklichkeit vieler Menschen beschreibt, soll das Augenmerk darauf richten, dass Menschen mit Beeinträchtigung ebenso wie psychisch und/oder chronisch kranke Menschen mit anderen Belastungen konfrontiert werden, als Menschen ohne Beeinträchtigung. Um eine Gleichstellung mit Studierenden ohne Beeinträchtigung zumindest annähernd zu erzielen, wurden an vielen Bildungseinrichtungen bereits Maßnahmen getroffen, die die Gestaltung einer barrierefreien Umgebung und Nachteilsausgleiche für behinderte Studierende bezwecken. Es braucht dem Studierenden mit Rollstuhl nicht das Laufen ermöglicht, es können ihm aber neue Wege geöffnet und geebnet werden. Es muss die Blinde nicht sehend und der Gehörlose nicht hörend werden, beide sollen aber ganz selbstverständlich in ihrer körperlichen Verschiedenheit an dem teilhaben können, was ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen normal scheint: in Gemeinschaft zu lernen und sich möglichst sorgenfrei auf die eigene berufliche Zukunft vorzubereiten.

Studierende und LerngruppeUnd umgekehrt werden die Mitstudierenden in der Begegnung mit behinderten Studierenden vielleicht sehender oder hörender, als sie es jemals waren. Denn sie werden bemerken: Auch mit Beeinträchtigung leiden Menschen nicht vor sich hin, sondern organisieren ihr Leben nach ihren Maßgaben und Vorstellungen. Wenn man sie nur lässt und nicht weitere Hindernisse vor ihnen auftürmt.

Hindernisse beseitigen helfen und allen Interessierten die Möglichkeiten aufzeigen, wie sie ihr Studium oder Ihre Weiterbildung bestmöglich auswählen, organisieren und finanzieren können: Das will auch dieser Ratgeber. Welche besonderen Rechte haben behinderte Studierende? Wer zählt überhaupt zur Gruppe der Studierenden mit Beeinträchtigung? Wo lassen sich Rechte und Pflichten nachlesen, wer informiert und berät und wie lässt sich der Studienalltag bewältigen? Mit welchen Schwierigkeiten ist zu rechnen und mit welchen Fördermöglichkeiten? Welche Vorteile bietet ein Fernstudium? Auf diese und weitere Fragen versuchen wir Antworten zu geben, die der tatsächlichen Praxis, dem tatsächlichen Alltag von Studierenden mit Beeinträchtigung möglichst nahekommen.

In der Praxis ist die Forderung nach Inklusion, die von der deutschen Hochschulrektorenkonferenz in dem Slogan „eine Hochschule für alle“ zusammengefasst wurde, noch lange nicht umgesetzt. Doch gibt es auch Beispiele für Hochschulen und Universitäten, die sich diesem dringlichen Thema besonders intensiv annehmen. Und es gibt an allen Orten und Studienstätten oft Möglichkeiten, von denen viele Studierende mit Beeinträchtigung noch nicht einmal wissen. Weil sie die benötigten Informationen noch nicht erreicht haben oder weil sie sich bis dato scheuten, überhaupt danach zu fragen.

Doch Inklusion ist keine Gnade, Inklusion ist ein Menschenrecht, das von den Vereinten Nationen international eingefordert wird. Und vor allem: Inklusion bringt Freude und Menschen einander näher. Menschen mit Beeinträchtigung ebenso wie Menschen ohne. Menschen mit offensichtlicher Beeinträchtigung und Menschen, die es vorziehen, diese zu verbergen. Sie alle, wir alle können in der Uni oder Hochschule viel mit- und voneinander lernen. Wenn man uns nur lässt. Oder besser gesagt: Wenn wir gemeinsam dafür eintreten.

In diesem Sinne hoffen wir von wuu.de, dass unser Ratgeber Studieninteressierte mit Beeinträchtigung, mit psychischer oder chronisch-somatischer Erkrankung erreicht und ermutigt. Der Weg ist in diesem Fall nicht das Ziel. Der Weg ist auch noch nicht völlig barrierefrei. Aber ein Anfang ist gemacht und mit ein wenig Mut und Durchhaltevermögen werden Sie Ihr persönliches Ziel gewiss erreichen!

2. Begriffsbestimmung und rechtliche Besonderheiten

Sind oder werden Menschen behindert? Die Antwort bestimmt, zu welcher Definition der Begriff „Behinderung“ führt. Dem Gesetz nach liegt eine Behinderung vor, wenn „körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit“ einer Person „mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen“ und Betroffene deshalb in ihrer „Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt“ sind. Andere Definitionen legen den Begriff „Beeinträchtigung“ als die bloße körperliche Gegebenheit fest, wohingegen mit „Behinderung“ die soziale Dimension, das situationsspezifische behindert Werden und die soziale Wertung, bezeichnet wird.

Medizinisch werden körperliche, geistige oder seelische Beeinträchtigungen verschiedenen Ausmaßes unterschieden. So gehören Schädigungen der körperlichen Mobilität oder der Sinne (Seh-, Hör-, Sprechbeeinträchtigungen) ebenso zu den Beeinträchtigungen wie psychische oder chronische Krankheiten, Legasthenie oder andere Lernschwierigkeiten und Teilleistungsstörungen.

2.1 Behinderung oder Beeinträchtigung: Definition und Selbstwahrnehmung

Rund acht Prozent der Studierenden in Deutschland sind behinderte Menschen gemäß der oben angeführten Definition. Manche benötigen eine Assistenz, um studieren zu können, andere können ohne Hilfsmittel oder Begleitung lernen und sich auf dem Campus bewegen. Die meisten eint: Sie definieren sich selbst nicht über ihre Beeinträchtigung, sondern nehmen sie als eine individuelle Eigenschaft unter vielen wahr, welche aber durch die Außenwelt, durch bauliche, aber auch durch soziale oder kommunikative Hindernisse besonders hervorgehoben wird. Behindert sein und behindert werden ist auch an Hochschulen und Universitäten leider noch viel zu oft das Gleiche.

Beeinträchtigungen werden nicht nach der Art ihrer Entstehung bewertet, wohl aber nach dem Grad ihrer Ausprägung unterschieden. So differenziert man zwischen Behinderung und Schwerbehinderung einerseits, zwischen Behinderung und Beeinträchtigung andererseits. Die Unterscheidung wirkt sich unmittelbar auf den Nachteilsausgleich aus, der behinderten Menschen rechtlich zusteht. Sie wirkt sich aber auch auf die Selbstwahrnehmung aus. Menschen mit einer nicht-sichtbaren Beeinträchtigung beispielsweise (z. B. Depressionen, Diabetes, Legasthenie) verzichten häufig auf Ansprüche zum Nachteilsausgleich, weil sie sich nicht als behindert verstehen.

2.2 Schwerbehinderung

Jede und jeder, die oder der im Sinne des Gesetzes als behindert gilt, kann unabhängig vom Grad der Behinderung Hilfen beanspruchen, die Nachteile kompensieren sollen. Für schwerbehinderte Menschen gelten zudem weiter reichende Regelungen. Als schwerbehindert definiert das Sozialgesetzbuch Personen, bei denen „ein Grad der Behinderung von wenigstens 50 vorliegt“. Ihnen gleichgestellt werden Personen mit einem geringeren Grad der Behinderung, „wenn sie infolge ihrer Behinderung ohne die Gleichstellung einen geeigneten Arbeitsplatz im Sinne des § 73 nicht erlangen oder nicht behalten können“. Das Vorliegen der Schwerbehinderung wird auf Antrag vom zuständigen Versorgungsamt festgestellt und durch die Ausstellung eines Schwerbehindertenausweises bestätigt.

2.3 Chronische Krankheit

Ähnliche Schwierigkeiten wie bei der Unterscheidung von „Behinderung“ und „Beeinträchtigung“ ergeben sich bei der Bezeichnung „chronisch krank“. Schon die zeitliche Dauer, die zur Bezeichnung „chronisch“ führt, ist umstritten. Zudem können chronische Krankheiten (z. B. Rheuma, Morbus Crohn,) auf Dauer zu (weiteren) Behinderungen führen. Dennoch betrachten sich viele Menschen mit chronischen Erkrankungen nicht als behindert und nehmen daher Nachteilsausgleiche ebenso wenig wahr wie die Möglichkeit, sich an Universitäten und Hochschulen bei Problemen an die Behindertenbeauftragten zu wenden.

2.4 Rechtlich ein Muss, real oft ein Manko: Barrierefreiheit

Behinderte Menschen könnten ebenso eigenständig wie ihre nichtbehinderten Kommilitonen studieren, wäre die Forderung nach vollständiger Barrierefreiheit bereits umgesetzt. Barrierefreiheit umfasst zum einen die räumlichen bzw. architektonischen Zustände an Hochschulen und Universitäten, also die Zugänglichkeit von Gebäuden, das Vorhandensein von Aufzügen und speziellen sanitären Anlagen. Doch in vielen Fällen ist es damit nicht getan. Menschen mit Sehschädigung benötigen ein spezielles Leitsystem, Menschen mit Hörschädigung können durch eine schlechte Akustik benachteiligt sein. Zudem bestehen Barrieren nicht allein in den äußeren Umständen. Auch innere Einstellungen von Lehrenden und Lernenden können sich als unüberwindbare Barrieren für das Studium von Menschen mit Beeinträchtigung erweisen.

2.5 Nachteilsausgleiche: Gleichstellung, nicht Besserstellung

Nicht einmal ein Drittel behinderter Studierender macht bisher von dem Recht Gebrauch, Nachteilsausgleiche zu beantragen. Nachteilsausgleiche regeln den Hochschulzugang, führen zu veränderten Bedingungen bei Leistungsnachweisen oder bei der Beantragung von BAföG. So benötigen einige behinderte Studierende personelle Betreuung (Assistenz), andere sind auf bestimmte Arbeitsmittel angewiesen. Auch die Verlängerung von Bearbeitungszeiten der Prüfungsaufgaben oder die Berechtigung, häufigere oder längere Pausen einlegen zu können, sind Nachteilsausgleiche. Manche Studierende verzichten aus Unwissenheit auf Nachteilsausgleiche, andere lehnen eine „Sonderbehandlung“ grundsätzlich ab. Dabei verringern Nachteilsausgleiche nicht die an behinderte Studierende gestellten fachlichen Anforderungen, sondern kompensieren lediglich Nachteile, die eine Gleichstellung erst ermöglichen.

 

3. Das Recht auf Deiner Seite: Studium und Inklusion

Inklusion
Inklusion bedeutet Recht auf Teilhabe und Nichtdiskriminierung. Das gilt für behinderte wie für nichtbehinderte Studierende. Inklusion wird von den Universitäten und Hochschulen nicht gewährt, Inklusion ist ein gesellschaftlicher Auftrag, der auf gesetzlichen Grundlagen beruht. Schon das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sieht eine Gleichstellung aller Menschen in diesem Lande vor. Diese generelle Gleichstellung wird mit Blick auf Menschen mit Behinderung durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (BGG) und durch entsprechende Abschnitte im Hochschulrahmengesetz (HRG) und in den Landeshochschulgesetzen präzisiert.

 

3.1 Gesetzliche Grundlagen: Zielvorstellungen und Umsetzung von barrierefreier Teilhabe

Erklärtes Ziel des 2002 in Kraft getretenen BGG ist es, „die Benachteiligung von behinderten Menschen zu beseitigen und zu verhindern sowie die gleichberechtigte Teilhabe von behinderten Menschen am Leben in der Gesellschaft zu gewährleisten und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen“. Diese „gleichberechtigte Teilhabe“ soll und muss auch an den Hochschulen möglich sein. Das bedeutet: Wie alle Körperschaften des öffentlichen Rechts sind Universitäten und Hochschulen verpflichtet, behinderte und nichtbehinderte Menschen gleichzustellen und alles zu tun, damit ein barrierefreies Studium möglich ist. Dazu gehört zum einen die bauliche Ausstattung, zum anderen sind auch Nachteilsausgleiche zu gewähren, die sowohl die Studienfinanzierung als auch die Studiendurchführung betreffen. Diese rechtliche Verpflichtung fand in das Hochschulrahmengesetz Eingang. So sollen die Hochschulen dafür Sorge tragen, „dass behinderte Studierende in ihrem Studium nicht benachteiligt werden und die Angebote der Hochschule möglichst ohne fremde Hilfe in Anspruch nehmen können.“ Auch in den Prüfungsordnungen soll die Berücksichtigung „besonderer Belange“ von behinderten Studierenden erfolgen. Grundsätzlich lässt sich jedoch festhalten, dass es sich um Zielvorgaben handelt, die teilweise durch die Gegebenheiten in den einzelnen Bundesländern bzw. an den einzelnen Hochschulen nicht in jeder Hinsicht umgesetzt werden können oder müssen. In welcher Weise dies bereits geschieht, regeln die einzelnen Landeshochschulgesetze.

Barrierefreiheit

Hinweis-Symbole für BarrierefreiheitGenerell lässt sich sagen, dass bauliche Barrierefreiheit beim Neubau von Hochschulgebäuden weitestgehend berücksichtigt wird. An älteren Gebäuden ließ und lässt sich durch Umbauten einiges an Barrierefreiheit gewinnen. Dennoch empfiehlt es sich, bei der Auswahl einer Universität oder Hochschule auch die tatsächliche Barrierefreiheit zu berücksichtigen. Zudem begreifen mittlerweile viele Universitäten Barrierefreiheit nicht als eine zusätzliche finanzielle Belastung, der sie sich beugen müssen, sondern als Chance, die Qualität der Lehre zu verbessern und den eigenen Standortvorteil auszubauen und geben zum Fortschritt ihrer Bemühungen um Barrierefreiheit daher gern und bereitwillig Auskunft.

Die Verpflichtung, für Barrierefreiheit zu sorgen, bezieht sich zudem nicht allein auf die bauliche/räumliche Ausstattung. Sie umfasst auch Lehrmittel und den Zugang zu Informationen, die über das Internet bereitgestellt werden. Dies gilt für Lehrinhalte ebenso wie für Informationen aus der Verwaltung oder für Beratungsangebote.

Härtefallantrag

Solange Barrierefreiheit nicht vollständig umgesetzt ist, bleibt die Studienplatzwahl für Studierende mit Beeinträchtigung schwieriger als für andere. Daher besteht dem Gesetz nach für behinderte Menschen die Möglichkeit, bei der Bewerbung um einen Studienplatz einen Härtefallantrag bzw. einen Antrag auf Nachteilsausgleich zu stellen. Etwa 2 % der zulassungsbeschränkten Studienplätze werden – je nach Landesvergabeordnung und Hochschule – an Bewerberinnen und Bewerber vergeben, die mit nachgewiesenen „gravierenden Beeinträchtigungen“ leben und studieren wollen.

Unterstützung durch Gleichstellungsbeauftragte

„Inklusion ist ein Menschenrecht“ und grundsätzlich wird an den Hochschulen eine Politik betrieben, die Inklusion ermöglicht. Nicht immer sind zudem einschneidende bauliche Maßnahmen erforderlich, um Studierenden mit Behinderung einen Nachteilsausgleich zu gewähren. Zuweilen würde es schon ausreichen bestimmte Seminare, in einen anderen Seminarraum umzuziehen oder ein spezielles Mobiliar anzuschaffen. Studierende, die sich bezugnehmend auf ihre körperliche, seelische oder geistige Beeinträchtigung behindert sehen, denen also die Teilhabe aktiv oder passiv verwehrt wird, haben die Möglichkeit, sich an die jeweiligen Beauftragten für Studierende mit Behinderung zu wenden, um eine Gleichbehandlung oder einen Nachteilsausgleich einzufordern.

3.2 Mehrbedarf und Nachteilsausgleich – Möglichkeiten finanzieller Gleichstellung

Für Studierende mit oder ohne Behinderung gilt grundsätzlich: Die finanzielle Förderung durch den Staat ist nachrangig. Es wird also zunächst geprüft, ob die Eltern der Studierenden noch unterhaltspflichtig und zur Finanzierung eines Studiums in der Lage sind oder ob die Studierenden über eigene Einkünfte bzw. eigenes Vermögen verfügen, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Ist dies nicht der Fall, erfolgt eine Prüfung der Berechtigung auf Ausbildungsförderung und/oder Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB). Bestehen solche Ansprüche, wird anschließend der Bedarf ermittelt. Ein Mehrbedarf besteht in der Regel für Studierende, die auf (technische) Hilfsmittel, besondere Nahrungsmittel, therapeutische Leistungen oder auf eine persönliche Assistenz angewiesen sind.

Rechtzeitig beraten lassen!

Als schwierig erweist sich mitunter die Beantwortung der Frage, welcher Kostenträger für welche Bedarfsfinanzierung zuständig ist. Grundsätzlich gilt, dass Studierende mit oder ohne Behinderung keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben. Einen Sonderfall stellt aber die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung gemäß dem sechsten Abschnitt des SGB XII dar. So können beispielsweise dringend benötigte technische Hilfsmittel oder eine Studienassistenz im Rahmen dieser Eingliederungshilfe beantragt und bewilligt werden. Voraussetzung ist, dass dieselben Leistungen nicht durch die Krankenkassen finanziert werden. Studienanfängerinnen und -anfänger sollten sich vorab von den Gleichstellungsbeauftragten an den Universitäten oder von anderen Vertretungen von Studierenden mit Beeinträchtigung beraten lassen und entsprechende Anträge möglichst früh stellen.

Nachteilsausgleiche für behinderte Studierende

Neben der Finanzierung von Hilfsmitteln und Sonderbedarf kann auch das Einhalten der Regelstudienzeit oder die durchgängige Absolvierung einzelner Etappen eine besondere Schwierigkeit für Studierende mit Behinderung darstellen. Wer mit häufigen Unterbrechungen aufgrund von Krankheiten rechnen muss oder wer aufgrund seiner Beeinträchtigung bestimmte Leistungen nicht innerhalb der üblichen Fristen erbringen kann, sollte daher von ihrem bzw. seinem Recht auf Nachteilsausgleich Gebrauch machen. Muss das Studium für längere Zeit unterbrochen werden, so kann beispielsweise ein Anspruch auf Sozialhilfe bestehen, auch wenn die oder der behinderte Studierende dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht und ihr oder sein Studium anschließend weiterführen will.

BAföG und Nachteilsausgleich

Nachteilsausgleiche werden teilweise in die Berechnung der BAföG-Zahlungen einbezogen. Dies gilt für die Berücksichtigung des besonderen Bedarfs von Studierenden mit Behinderung, für die Höhe der Elternfreibeträge, bei der Berücksichtigung der Förderungshöchstdauer oder bei der erneuten Gewährung von BAföG-Leistungen nach einem Studiengangwechsel aus „unabweisbarem Grund“. Wer also die Förderungshöchstdauer überschreiten oder seinen Studienschwerpunkt krankheitsbedingt verlagern muss, kann zusätzliche Anträge auf Weiterfinanzierung stellen. Auch bei den Rückzahlungsbedingungen für im Studium erhaltene BAföG-Leistungen wird ein Mehrbedarf berücksichtigt.

Interessant zu wissen ist sicher auch: Spätestens durch das BGG ist die Gebärdensprache offiziell als eigene Sprache anerkannt. Was bedeutet: Menschen mit Hör- und/oder Sprechbeeinträchtigungen können bei Bedarf darauf insistieren, dass das BAföG-Amt eine Gebärdensprachdolmetscherin oder einen -dolmetscher zu beratenden oder klärenden Gesprächen hinzuzieht.

3.3 Der Schwerbehindertenausweis – Pro und Contra

Wer einen Schwerbehindertenausweis beantragen kann, wurde unter Punkt 2 bereits beschrieben. Aber lohnt sich die Antragstellung überhaupt? Oder wird sie sich nicht im Gegenteil irgendwann nachteilig auswirken – nämlich dann, wenn das Studium beendet wurde und die Studierenden beginnen, Bewerbungen zu schreiben? Haftet schwerbehinderten Akademikerinnen und Akademikern ein Makel an?

Schwerbehindertenausweis

Negative und positive Diskriminierung

Ein Makel sicherlich nicht. Und offizielle Absagen wegen einer Behinderung oder Beeinträchtigung dürfte es dem Gesetz nach in Deutschland auch nicht (mehr) geben. Wer sich dennoch diskriminiert fühlt oder Stellenanzeigen entdeckt, in denen die Einstellung Schwerbehinderter offensichtlich negiert wird, kann dagegen gerichtlich vorgehen. Dennoch gibt es Ausnahmen, in denen eine Benachteiligung erlaubt ist – etwa wenn die schwerbehinderte Bewerberin oder der Bewerber aufgrund ihrer oder seiner körperlichen Beeinträchtigung eine bestimmte berufliche Position nicht angemessen ausfüllen kann.

Doch auch die „positive Diskriminierung“ ist vorgesehen, etwa dann, wenn der Anteil an schwerbehinderten Personen unter der Belegschaft erhöht werden soll und Bewerberinnen und Bewerber mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung daher bevorzugt werden. Darüber hinaus besteht in Deutschland für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber die Verpflichtung, schwerbehinderte Bewerberinnen und Bewerber ab einer Belegschaft von 20 Personen aufwärts zu berücksichtigen oder Ausgleichszahlungen zu leisten. Eine Benachteiligung ist damit nicht ganz auszuschließen, dürfte aber ein niedrigeres Risiko darstellen, als gemeinhin befürchtet.

Individuelle Entscheidung statt Politikum

Der Schwerbehindertenausweis bietet einige Vorteile, die als Nachteilsausgleich sinnvoll sein können, angefangen bei steuerlichen Erleichterungen über das Recht, den öffentlichen Personenverkehr kostenfrei zu nutzen bis hin zu der Möglichkeit, Härtefallanträge während der Studienplatzbewerbung zu stellen. Manches davon kann allerdings auch ohne Schwerbehindertenausweis beantragt werden.

Besonders gilt dies für Nachteilsausgleiche im Studium. Wer sich also unsicher ist oder in einem Bereich tätig werden möchte, von dem sie oder er annimmt, dass eine diagnostizierte Schwerbehinderung dort als Nachteil aufgefasst würde, kann sich eine Behinderung oder Beeinträchtigung auch durch eine Fachärztin oder einen Facharzt attestieren lassen und auf diesem Wege Nachteilsausgleiche in Anspruch nehmen. Die Entscheidung für oder gegen einen Schwerbehindertenausweis bleibt damit zunächst eine individuell abzuwägende Entscheidung, obwohl sie eigentlich ein Politikum sein müsste.

4. Studienplatzvergabe: Nachteilsausgleiche geltend machen

Ist es für Studierende mit Behinderung leichter oder schwieriger einen Studienplatz zu erhalten? Welche Möglichkeiten gibt es, einen Härtefallantrag zu stellen oder einen Nachteilsausgleich zu erwirken? Auf diese Fragen gibt es leider keine eindeutige Antwort, da die Studienplatzvergabe an eine Vielzahl an Faktoren geknüpft ist, die sich je nach Studienfach und gewählter Hochschule unterscheiden. Was dies im Einzelnen bedeutet, soll im Folgenden erläutert werden.

4.1 Stiftung für Hochschulzulassung: Zulassungsbeschränkte Studiengänge

Studienfächer wie Medizin oder Pharmazie sind bundesweit zulassungsbeschränkt, also mit einem Numerus clausus (NC) versehen. Das bedeutet: Die Vergabe der Studienplätze erfolgt nicht durch die Hochschulen, sondern durch die Stiftung für Hochschulzulassung. Darüber hinaus nimmt die Stiftung für Hochschulzulassung auch die Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern für regional zulassungsbeschränkte Fächer vor, allerdings nur dann, wenn die jeweilige Hochschule am „dialogorientierten Serviceverfahren“ teilnimmt. Die erste Hürde für Studienbewerberinnen und -bewerber besteht also darin, herauszufinden, welche Fächer an welchen Hochschulen einer Beschränkung unterliegen und wer im Zulassungsverfahren anzusprechen ist. Die notwendigen Informationen stellt die Stiftung für Hochschulzulassung auf ihrer Webseite zur Verfügung, welche unter hochschulstart.de aufgerufen werden kann.

Bei Bewerbungen für NC-Studienfächer werden Bewerberinnen und Bewerber mit Bestnoten bevorzugt. Neben dieser „Abiturbestenquote“ kommt die „Hochschulquote“ zum Tragen, sofern die Hochschule eigene Zugangsvoraussetzungen definiert hat. An dritter Stelle ist die „Wartezeitquote“ zu nennen, die Alter und Wartesemester der Bewerberinnen und Bewerber berücksichtigt. All diese Quotenregelungen unterscheiden nicht zwischen Personen mit oder ohne Behinderung. Da dies in Einzelfällen aber zu einer Benachteiligung führen kann, wurden Härtefallregelungen und Nachteilsausgleiche geschaffen. So werden rund 2 % der bundesweit zulassungsbeschränkten und bis 5 % der regional beschränkten Studienplätze in grundständigen Studiengängen vorrangig an Bewerberinnen und Bewerber vergeben, die einen Härtefallantrag gestellt haben.

4.2 Regelungen der Hochschulen bei der Studienplatzvergabe

Härtefallanträge können nur von Bewerberinnen und Bewerbern gestellt werden, die die definierten Zugangsvoraussetzungen erfüllen. Ein Härtefallantrag kann also eine fehlende Voraussetzung nicht ersetzen. Damit die Antragstellung Aussicht auf Erfolg hat, muss eine „außergewöhnliche Härte“ nachgewiesen werden, die als gegeben betrachtet wird, wenn „so schwerwiegende gesundheitliche, soziale oder familiäre Gründe vorliegen“, dass es Bewerberinnen und Bewerbern auch „bei Anlegung besonders strenger Maßstäbe nicht zugemutet werden kann, […] auf die Zulassung zu warten.“ Für behinderte Studieninteressierte bedeutet dies, dass sie einen Härtefallantrag insbesondere dann stellen können, wenn der Grad ihrer Behinderung oder Erkrankung eine „Tendenz zur Verschlimmerung“ zeigt, wenn ihnen für den Übergang keine andere Tätigkeit zugemutet werden kann oder wenn das Studium für die Wiedereingliederung zwingend erforderlich ist. Als Nachweis ist in der Regel ein fachärztliches Gutachten vorzulegen. Einige Hochschulen haben bereits ein Formular erstellt, mit dem ein Härteanfall gestellt werden kann, andere erwarten eine schriftliche Antragsbegründung.

Vom Härtefallantrag zu unterscheiden ist der Nachteilsausgleich. Der Härtefallantrag wird unabhängig von der Abiturnoten-, Hochschul- oder Wartezeitquote gewährt oder abgelehnt. Ein Nachteilsausgleich soll dagegen in einer der genannten Quotenregelungen eine Besserstellung erbringen. Ein entsprechender Antrag ist beispielsweise sinnvoll, wenn die Bewerberinnen und Bewerber nachweisen können, dass sie aufgrund von Krankheit keine schulischen Bestnoten erreichen konnten, wenn sie für die Teilnahme an Auswahlverfahren bestimmte Hilfsmittel benötigen oder wenn sie aufgrund ihrer Beeinträchtigung mehr Zeit für den Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung benötigten als nichtbehinderte Bewerberinnen und Bewerber.

4.2.1 Grundständige Studiengänge

Die geschilderten Möglichkeiten, einen Härtefallantrag oder einen Antrag auf Nachteilsausgleich zu stellen, gelten zunächst nur bei der Bewerbung für einen grundständigen Studiengang, also für ein Studium, mit dem ein erster akademischer Grad (Bachelor) erworben wird. Schon bei der Auswahl von Studierenden in den grundständigen Studiengängen behalten sich viele Hochschulen mittlerweile das Recht vor, eigene Zugangsvoraussetzungen zu definieren und zu prüfen. Gleichzeitig sind sie gesetzlich verpflichtet, Studierende mit Behinderung zu berücksichtigen bzw. gleichzustellen. Wurden also Zugangsvoraussetzungen formuliert, die es behinderten Studierenden erschweren, sich um einen Studienplatz zu bewerben, so sollten sich diese davon nicht abschrecken lassen, sondern sich bei den Behindertenbeauftragten oder entsprechenden Studierendenverbänden informieren, welche Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs vorgesehen sind. Eine Liste aller Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern für behinderte Studierende findet sich auf der Webseite des Deutschen Studentenwerks: studentenwerke.de

4.2.2 Konsekutive und weiterbildende Studiengänge

Konsekutive oder weiterbildende Studiengänge (Masterstudiengänge) sollen Bewerberinnen und Bewerbern vorbehalten bleiben, die sich in besonderer Weise für ein weiterführendes Studium qualifiziert haben. In der Regel unterliegen die Masterstudiengänge daher noch strengeren Zugangsvoraussetzungen als Bachelorstudiengänge. Dazu gehört, dass die Vergabe der Studienplätze durch die Hochschule an das Bestehen von Auswahlverfahren geknüpft wird. Eine generelle Quotenregelung für Härtefälle und einheitlich definierte Nachteilsausgleiche existieren nicht; ob Härtefälle berücksichtigt werden, ist vom Bundesland bzw. der Hochschule abhängig. Dennoch gilt auch für diese Auswahlverfahren, dass die Bedürfnisse behinderter Studierender zu berücksichtigen sind. In welcher Weise die einzelnen Hochschulen diese Verpflichtung umsetzen, zeigt sich oft schon an den Informationen, die sie behinderten Studienbewerberinnen und -bewerbern zur Verfügung stellen. Als vorbildlich erweist sich diesbezüglich beispielsweise die Uni Gießen. Auch im „Zentrum für Hochschulbildung“ der TU Dortmund hat man sich „die Schaffung chancengleicher Studienbedingungen für behinderte und chronisch kranke Studierende“ zum Ziel gesetzt.

Gehörlos promovieren - Interview mit Dr. Ingo Barth in der Sendung Fingerzeig

5. Studienalltag – die tatsächliche Situation

Theoretisch hat die Inklusion an Hochschulen und Universitäten viele Befürwortende – praktisch aber sehen sich Studierende mit Beeinträchtigung noch stets vor viele Schwierigkeiten gestellt, die Studierende ohne Behinderung nicht zu überwinden haben. So ist völlige Barrierefreiheit an deutschen Universitäten noch lange nicht umgesetzt; es fehlt an Hilfsmitteln, an Parkplätzen, an barrierefreiem Lehrmaterial und zuweilen auch noch an Nachteilsausgleichen. Hinzu kommt, dass die Hochschulen vermehrt eigene Ansprüche an die Auswahl „ihrer“ Studierenden formulieren, die auf die besonderen Belange von Bewerberinnen und Bewerber mit Beeinträchtigung nicht immer Rücksicht nehmen. Auch konzentrieren sich manche Universitäten auf bestimmte Formen der Behinderung – in der Regel wird dann Barrierefreiheit abschließend als „rollstuhlgerechte“ Ausstattung und Architektur betrachtet. Rampen und Aufzüge allein aber ermöglichen noch nicht das inklusive Lernen von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung.

Schon bei der Auswahl des Studienortes ist es daher für beeinträchtigte Studierende besonders wichtig, auf die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort zu achten. Viele, aber leider nicht alle Hochschulen geben hierzu gesonderte Informationen unter Stichwörtern wie „Studieren mit Behinderung“ oder „Studium mit Behinderung“ heraus. Auch die Studentenwerke, die Studierendenausschüsse oder eigens gegründete Vereinigungen von Studierenden mit Behinderung können Auskunft geben.

5.1 Barrierefreiheit, Mobilität und Wohnräume

Wie sieht es an meiner Wunschuni aus? Wo kann ich wohnen, wie komme ich zur Hochschule, welche Möglichkeiten gibt es, diese mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen? Wie viele Behindertenparkplätze hat die Hochschule und nach welchen Kriterien werden diese vergeben? Das sind die ersten wichtigen Fragen, die sich Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung vor der Auswahl ihres Studienortes stellen und stellen sollten. Die Antworten, die sie darauf erhalten, fallen leider nicht immer so günstig aus, wie man es mittlerweile erwarten würde.

Eingeschränkte Barrierefreiheit an Hochschulen und Universitäten

So gaben von den rund 15.000 Studierenden mit Beeinträchtigung, die 2011/2012 im Auftrag des Deutschen Studentenwerks zu ihrer aktuellen Studiensituation befragt wurden (best-umfrage.de), rund 6 Prozent an, dass sie auf eine barrierefreie Umgebung angewiesen seien. Doch nicht einmal ein Drittel (28 %) erklärte zugleich, dass ihr unmittelbares Hochschulumfeld diese Anforderung ausreichend erfülle. Zwar sind an den meisten Universitäten Rampen an den Eingängen angebracht worden oder es wurden Aufzüge und sanitäre Einrichtungen nachträglich rollstuhlgerecht ausgebaut; aber es fehlt beispielsweise an Vorlesungssälen, die dem besonderen Bedarf von Menschen mit Gehbehinderung oder mit einer Beeinträchtigung des Hör- oder Sehvermögens gerecht werden. Sehr häufig fehlt es auch an Rückzugsräumen, in denen Studierende mit Beeinträchtigungen die Ruhe finden, die sie ebenso wie ihre Kommilitonen ohne Beeinträchtigung im Studienalltag dringend benötigen.

Dort jedoch, wo die befragten Studierenden nicht durch die räumlichen Gegebenheiten behindert werden, fühlen sie sich nicht nur wohler, sie können in der Regel auch zügiger studieren. Hinzu kommt, dass Universitäten, die der Inklusion gegenüber besonders aufgeschlossen sind, in der Regel spezielle Services für behinderte Studierende anbieten. Das betrifft sowohl den barrierefreien Zugang zu Lehrmaterialien als auch die Ausstattung mit benötigten technischen Hilfsmitteln oder das Angebot eines Mobilitätstrainings für blinde Studierende.

Mobilität

Der Aspekt „Mobilität“ umfasst auch die Frage, ob die Universität oder Hochschule für Studierende mit Beeinträchtigung gut zu erreichen ist. Sind die Nahverkehrsmittel barrierefrei gestaltet? Befinden sich die Haltestellen in unmittelbarer Nähe zur Hochschule? Sind ausreichend Parkplätze für schwerbehinderte Studierende vorhanden? An einigen Orten werden zudem Sonderfahrdienste eingerichtet, die allerdings in der Regel nur eine zusätzliche und keine erschöpfende Möglichkeit darstellen, den Weg zwischen Universität und Wohnstätte zu bewältigen. Dennoch lohnt es sich, sich bei den örtlichen Trägern solcher Fahrdienste oder bei den Behindertenbeauftragten danach zu erkundigen. Erhebt die Hochschule Gebühren, in denen auch die Kosten für ein „Semesterticket“ enthalten sind, so können sich Studierende, die aufgrund ihrer Beeinträchtigung öffentliche Nahverkehrsmittel ohnehin kostenfrei nutzen können, auf Antrag von diesen Gebührenzahlungen befreien lassen.

Barrierefreies Wohnen und allergenfreies Essen

Wer für ein Studium in eine andere Stadt zieht, benötigt eine Unterkunft. Für Studierende, die einen Rollstuhl nutzen, steht zumeist bereits ein begrenztes Kontingent an geeigneten Zimmern in Wohnheimen oder anderen Wohnanlagen bereit. Ob dieses Kontingent ausreicht, ob zudem an Studierende mit Allergien oder bestimmten Phobien gedacht wurde, lässt sich in der Regel ebenfalls vor Ort oder durch eine Anfrage bei den Wohnheimverwaltungen herausfinden. Speziell für Allergikerinnen und Allergikern ist es zudem wichtig, dass sie in den Mensen ausreichende Informationen über die Verwendung von allergischen Reaktionen auslösenden Zusatzstoffen erhalten. Da es hierzu bereits gesetzliche Vorschriften bzw. Kennzeichnungspflichten gibt, stellt dies zumeist kein Problem dar. Eine großzügige Ausstattung für Menschen mit Gehbehinderungen (zum Beispiel durch spezielle Servierwagen) oder mit Sehbehinderungen (durch akustische Speisekarten oder solchen in Brailleschrift) ist in vielen Mensen dagegen noch die Ausnahme.

Gestaltung von Lebensräumen außerhalb der Universität

Studierende in der Freizeit

Das Leben von Studierenden, mit und ohne Beeinträchtigung, spielt sich – hoffentlich! - nicht ausschließlich lernend in der Universität und im Wohnheim ab. An welchen Orten behinderte Menschen kulturelle oder sportliche Angebote finden, wo sich Gruppierungen zusammengeschlossen haben, um Inklusion auch im Alltag praktisch umzusetzen, darüber will eine „Landkarte der Inklusion“ Aufschluss geben, die über die Webseite der Behindertenbeauftragten der Bundesregierung einsehbar ist: Landkarte

5.2 Viel Alltag, zu wenig Unterstützung

Damit Studierende mit Beeinträchtigung tatsächlich unter vergleichbaren Bedingungen studieren können wie Studierende ohne, sind bauliche Anpassungen der Hochschulgebäude nicht ausreichend. Die Hochschulen müssen darüber hinaus in Prüfungsordnungen und Prüfungsdurchführungen auf den Bedarf von Menschen mit Beeinträchtigungen Rücksicht nehmen. Auch benötigen beispielsweise Studierende mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung andere Hilfsmittel und Beratungsangebote als Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen oder mit Teilleistungsstörungen. Darüber hinaus müssen Lehrmittel ebenfalls barrierefrei zugänglich sein oder es müssen persönliche Assistenzen bereitgestellt werden. Laut der bereits genannten Umfrage werden all diese Anforderungen aber nur in maximal 16 Prozent aller Fälle ausreichend erfüllt.

Nachteilsausgleiche werden zu wenig genutzt

Erschwernisse ergeben sich für Studierende mit Beeinträchtigung daher in allem, was die alltäglichen Abläufe an Hochschulen und Universitäten ausmacht – von der Bibliotheksausleihe über die Teilnahme an Vorlesungen bis hin zum Essen in der Mensa. Darüber hinaus sind es vor allem enge zeitliche Vorgaben, nachteilige Prüfungsabläufe sowie Praktika und Ausflüge, die sie vor besondere Schwierigkeiten stellen. Und doch sollte die Nennung dieser Schwierigkeiten behinderte Studierende nicht entmutigen! Die Beantragung und Wahrnehmung von Nachteilsausgleichen könnte nämlich in vielen Fällen ein positives Gegengewicht darstellen, doch werden Nachteilsausgleiche von den Studierenden aus Scham oder Unkenntnis noch viel zu selten in Anspruch genommen. Der Alltag an den Hochschulen bestätigt: Wurden Nachteilsausgleiche beantragt, so wurden diese in überwiegender Zahl ganz oder teilweise bewilligt. Grundsätzlich lässt sich daher sagen: Die Zustände an den bundesdeutschen Hochschulen und Universitäten zeigen, dass das Ziel, „eine Hochschule für alle“ zu schaffen, noch lange nicht erreicht ist. Die Praxis zeigt aber auch, dass Studierende, die sich ihrer Rechte bewusst sind und diese auch einfordern, damit einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung dieser Ziele leisten.

5.3 Positivbeispiele für Inklusion an Hochschulen und Universitäten

Technische Hilfsmittel für BlindeWenn auch der Alltag an Universitäten und Hochschulen in puncto Inklusion vom Idealzustand noch weit entfernt ist, gibt es doch bereits Bildungsinstitutionen, die in einzelnen oder allen Bereichen heute schon als vorbildlich gelten können. So stellt beispielsweise die Universität Mainz Studierenden mit Sehbehinderung und gehörlosen Studierenden spezielle technische Hilfsmittel bereit und organisiert ihnen eine persönliche Assistenz oder eine Gebärdensprachdolmetscherin oder einen -dolmetscher. Die Universität Regensburg stellt online Rauminformationen sowie einen barrierefreien Lageplan zur Verfügung. Der Lageplan ist mit einer Suchfunktion ausgestattet, die das Auffinden der Räume erleichtert; darüber hinaus werden teilweise Fotografien der Räumlichkeiten eingeblendet und es werden wichtige Informationen für Studierende mit Rollstuhl bzw. mit Gehbehinderung gegeben.

Auch ihren Campus hat die Universität Regensburg auf einer Karte erfasst, sodass Studierende rasch überblicken können, wo sich wichtige barrierefreie Einrichtungen wie beispielsweise Parkplätze, Rampen, Lifte oder Toiletten befinden.

Vorlesungen für Studierende mit Beeinträchtigungen und finanzielle Erleichterungen

Ähnlich auskunftsfreudig wie die Uni Regensburg erweist sich die Universität Konstanz, die ebenfalls auf einer eigenen Webseite alle Informationen und wichtigen Adressen für Studierende mit Beeinträchtigung übersichtlich darstellt. Und auch die Universität Hildesheim meint es ernst mit der Inklusion. So werden beispielsweise Vorlesungen und Seminare für gehörlose und Studierende mit Hörbeeinträchtigungen in die Deutsche Gebärdensprache übertragen; allerdings muss dafür zu Semesterbeginn jeweils ein Antrag auf Kostenerstattung durch das Integrationsamt gestellt werden. Im Wohnheim des Studentenwerks werden drei barrierefrei ausgebaute Zimmer zur Verfügung gestellt. Die Webseite wurde weitestgehend barrierefrei gestaltet und für Studierende mit Beeinträchtigung ein eigener Campus-Wegweiser eingerichtet. Behinderten Studierenden wird zudem der Erlass der Langzeitstudiengebühren und der Studienbeiträge angeboten (auf Antrag) und auch der Asta der Universität befasst sich in einer eigenen Initiative mit dem Thema „Studium mit Behinderung oder chronischer Krankheit“.

Schulung von Tutorinnen und Tutoren

Mit einem besonderen Pilotprojekt hat sich die Universität Potsdam schon im Jahr 2006 des Themas Inklusion angenommen. Seit 2008 werden an der Universität Erstsemestertutorinnen und –tutoren darin unterwiesen, wie sie Studierende mit chronischer Erkrankung oder Beeinträchtigung unterstützen können.

Angebote für Studierende mit Pflege- oder psychologischem Unterstützungsbedarf

Studierende mit Pflegebedarf finden geeignete Unterkünfte beispielsweise in Wohnheimen der Universitäten Bochum, Marburg und Heidelberg. Studierende mit psychosozialen Beeinträchtigungen können sich an der Universität Göttingen bei Bedarf direkt an eine psychotherapeutische Ambulanz und/oder eine psychosoziale Beratungsstelle wenden. Weitere Informationen finden sich auf den Webseiten der Hochschulen oder auch über die Bundesarbeitsgemeinschaft Behinderung und Studium e.V., welche als Netzwerk von Studierenden mit Beeinträchtigung an rund 80 bundesdeutschen Hochschulen fungiert.

5.4 Alternative Fernstudium?

In Anbetracht der noch ausstehenden Barrierefreiheit an vielen Hochschulen, stellen sich behinderte Studierende oft die Frage, ob ein Fernstudium für sie besser geeignet wäre. Generell bringt ein Fernstudium natürlich den großen Vorteil mit sich, dass die Studierenden an einem Ort ihrer Wahl – in der Regel zu Hause – arbeiten können. Damit entfällt, von den wenigen Präsenztagen abgesehen, die Notwendigkeit, sich mit einer fremden Umgebung arrangieren zu müssen. Auch zeitliche Vorteile ergeben sich und die Studierenden können ihrem eigenen Lernrhythmus folgen. Doch ein Fernstudium liegt nicht allen – unabhängig von etwaigen Beeinträchtigungen. Unabdingbare Voraussetzungen sind eine extrem hohe Motivation, die Fähigkeit, das anstehende Lernpensum weitgehend selbstständig zu erarbeiten sowie ein großes Maß an Unterstützung durch Familie und/oder Freundinnen und Freunde. Darüber hinaus sollten sich Interessierte grundsätzlich mit der Unterscheidung von Fernstudiengängen und Fernlehrgängen vertraut machen. Nicht jeder Fernlehrgang schließt – trotz der manchmal verwirrenden Bezeichnungen – mit einem akademischen Grad ab.

Kursangebot der Fernuniversität Hagen

Akademische Fernstudiengänge, die ausdrücklich die Belange von Studierenden mit Beeinträchtigungen berücksichtigen, werden von der einzigen staatlichen Fernuniversität, der Universität Hagen, angeboten, die auch spezielle Kurse für sehbehinderte und blinde Studierende offeriert. Neben einer Auswahl an geeigneten Lehrmaterialien können Studierende hier passende Prüfungsbedingungen und Ausgleiche bei Präsenzphasen erwarten. Dazu gehört beispielsweise, dass Prüfungszeiten verlängert, Aufgaben vorgelesen oder bei Bedarf Prüfungen auch zu Hause abgelegt werden können. Darüber hinaus unterstützt die Fernuniversität Hagen behinderte Studierende bei Bedarf in finanziellen Fragen – etwa durch eine Ermäßigung bzw. einen Erlass von Kosten für Studienmaterialien oder bei der Antragstellung von Hilfen zur Ausbildung; auch ein Inklusionsstipendium kann vergeben werden.

Art der Behinderung entscheidet über die Eignung der Fernuniversität

Trotz der Berücksichtigung der Bedarfe von Studierenden mit Beeinträchtigung sind auch an der Fernuniversität Hagen nicht alle Bereiche völlig barrierefrei zugänglich. Gleiches gilt für andere Fernuniversitäten, sodass Studierende in jedem Fall vor einem Vertragsabschluss erfragen sollten, in welcher Weise sie bei Präsenzveranstaltungen auf barrierefreie Veranstaltungsräume und/oder Unterstützung beispielsweise durch Mentorinnen und Mentoren vertrauen können. Unter den nicht- staatlichen Fernhochschulen bietet die Studiengemeinschaft Darmstadt ihren Studierenden mit Beeinträchtigung spezifische Services an.

6. Finanzierung des Studiums

Studierenden mit Beeinträchtigung entstehen regelmäßig Kosten, die mittelbar oder unmittelbar beeinträchtigungsbedingt sind. So ergab die bereits erwähnte vom Deutschen Studentenwerk 2011 beauftragte Studie, dass rund 71 % der 15.000 Befragten unmittelbare Mehrkosten beispielsweise für medizinische Versorgung oder spezielle Ernährungsmittel aufbringen müssen. 9 % der Befragten entstehen zusätzlich zu den Kosten für ihren Lebensunterhalt mittelbare Kosten, da sie bestimmte Hilfs- und Lernmittel benötigen, ohne die sich nicht erfolgreich studieren können.

Mehrbedarf und Nachteilsausgleiche benennen und kennen

Finanzierung des StudiumsGeht man davon aus, dass schon Studierende mit einem Regelbedarf ihre Grundkosten kaum durch BAföG-Leistungen oder ähnliche Finanzierungsmöglichkeiten abdecken können, wird rasch ersichtlich, dass dies bei einem beeinträchtigungsbedingten Mehrbedarf nahezu ausgeschlossen ist. Hinzu kommt, dass auch Krankenkassen und Sozialversicherungsträger die zusätzlichen Kosten nur eingeschränkt übernehmen. Wie ihre Kommilitonen sind daher Studierende mit Beeinträchtigung in der Regel auf eine sogenannte „Patchworkfinanzierung“ angewiesen. Da es sich aber für Studierende mit Beeinträchtigung als deutlich schwieriger erweist, ihren zusätzlichen Bedarf beispielsweise über Ferien-Jobs und Nebentätigkeiten zu finanzieren, hat der Gesetzgeber Nachteilsausgleiche vorgesehen, die überwiegend dann in Anspruch genommen werden können, wenn eine Eigenfinanzierung nicht möglich ist. Nachteilsausgleiche können für Zuzahlungspflichten und Gebühren, für Mehrbedarfe, zum Ausgleich besonderer Härten und bei krankheitsbedingten Studienverzögerungen in Anspruch genommen werden. Eine Schwierigkeit besteht oft darin, zu ermitteln, welcher Kostenträger für welchen Bedarf der richtige Ansprechpartner ist. Im Folgenden soll daher eine Übersicht über die grundlegenden Möglichkeiten gegeben werden, das Studium und den Mehrbedarf zu finanzieren.

6.1 BAföG und Wohngeld für Studierende

Studierende, die vor Vollendung des 30. Lebensjahres (Bachelor) bzw. des 35. Lebensjahres (Master) ein Erststudium bzw. Aufbaustudium beginnen, haben, sofern sie ihr Studium nicht selbst finanzieren können, einen Anspruch auf Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG). Werden die Altersbeschränkungen nachweislich aufgrund einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit überschritten, so können Ausnahmeregelungen greifen.

BAföG: Bedarf und Eigenbehalt

Für die Festsetzung der BAföG-Zahlungen wird das Einkommen der Eltern oder ggf. des Ehepartners oder der Ehepartnerin berücksichtigt. Liegt bei diesen ebenfalls eine Behinderung bzw. Beeinträchtigung vor, so erhöhen sich die zu berücksichtigenden Freibeträge. Die Antragstellenden selbst dürfen grundsätzlich einen Betrag von 5200 Euro als Vermögen besitzen, welcher bei der Bedarfsermittlung nicht angerechnet wird. Für Studierende mit Beeinträchtigung können zudem Sonderregelungen gelten; so werden Vermögen, die zur Milderung oder zur Absicherung von Personen mit Behinderung angelegt wurden, nicht in jedem Fall angerechnet.

Sonderregelungen für Studierende mit Behinderung

Ein weiterer Nachteilsausgleich greift dann, wenn Studierende nachweislich aufgrund ihrer Behinderung bzw. Beeinträchtigung die Studien- bzw. Förderungshöchstdauer überschreiten oder wenn ein Studienfachwechsel zwingend notwendig erscheint. BAföG wird zudem grundsätzlich auch dann gezahlt, wenn Studierende mit oder ohne Beeinträchtigung ihr Studium aufgrund einer Erkrankung bis zu drei Monate unterbrechen müssen. Hängt diese Erkrankung mit der Beeinträchtigung zusammen, so sollten die Studierenden dies dokumentieren, um ggf. später begründen zu können, warum sie die vorgeschriebene Förderungshöchstdauer überschreiten müssen. Studierende, die bereits absehen können, dass sie aufgrund einer schwerwiegenden Erkrankung ihr Studium länger als drei Monate unterbrechen müssen, sollten sich dagegen nach Möglichkeit beurlauben lassen, damit die Dauer der Erkrankung nicht auf die Förderungsdauer angerechnet wird.

Wohngeld nur in Ausnahmefällen

Wohngeld wird generell nur an Bedürftige gezahlt, die keine andere Möglichkeit der Finanzierung angemessenen Wohnraumes haben. Für Studierende bedeutet dies zunächst: Es ist der Nachweis erforderlich, dass es ihnen nicht mehr zumutbar ist, im Elternhaus zu wohnen – beispielsweise weil sie bereits eine eigene Familie gegründet haben oder aber im Elternhaus kein ausreichender Wohnraum vorhanden ist. Darüber hinaus kann ein Wohngeldanspruch nur dann geltend gemacht werden, wenn keine anderen Leistungen wie BAföG oder Sozialhilfe geleistet werden.

6.2 Behinderungsbedingter Zusatzbedarf

Dass Studierende mit Beeinträchtigung einen Mehrbedarf haben, steht häufig außer Frage. Strittig ist aber oft, in welchem Ausmaß dieser geltend gemacht werden kann und wer für die Kostenübernahme zuständig ist. Wer kommt für den Rollstuhl, die medizinische Betreuung, die Assistenz oder die teuren Lehrmaterialien auf? Wer erstattet Kosten für eine Gebärdensprachdolmetscherin bzw. einen –dolmetscher oder eine spezielle Diät? Grundsätzlich gilt noch nicht einmal die Vorlage eines Schwerbehindertenausweises als „Indiz“, dass beeinträchtigungsbedingte Zusatzkosten zu tragen sind. So wundert es kaum, dass 2 % der Studierenden mit Beeinträchtigung die Finanzierung ihrer zusätzlichen Kosten als „nicht gesichert“ angeben. Besonders betroffen sind Studierende mit Mehrfachbeeinträchtigung, mit psychischer oder chronischer Erkrankung sowie gehörlose und blinde Studierende. Als Gründe für eine mangelhafte Finanzierung des eigenen Lebensunterhaltes benennen die Studierenden eine nicht ausreichende Grundversorgung, fehlende Möglichkeiten, selbst etwas dazu zu verdienen oder einen Kredit aufnehmen zu können und eine Weigerung der Kostenträger, den Mehrbedarf anzuerkennen.

Im Dschungel der Kostenträger

Dabei erweist sich schon die Feststellung der zuständigen Kostenträger, auch wenn eine gesetzliche Verpflichtung zur Kostenübernahme besteht, oft als schwierig. Grundsätzlich wird zwischen „ausbildungsgeprägtem Unterhalt“, „beeinträchtigungsbedingten Zusatzkosten zum Lebensunterhalt“ und „beeinträchtigungsbedingten Zusatzkosten zum Studium“ unterschieden. Je nach Bedarf und Art der benötigten finanziellen Zuwendung muss dann ein Antrag an das BAföG-Amt, an die Sozialversicherungsträger oder an die Krankenkasse gestellt werden. Hinzu kommen Kosten, die in den Bereich der Pflegeversicherung fallen und die theoretische Verpflichtung der Universitäten, Studierenden mit Beeinträchtigung Hilfsmittel bereitzustellen.

Kein leichtes Unterfangen also, die eigenen Zusatzkosten geltend zu machen, aber auch kein unmögliches! Auf keinen Fall sollten Studierende mit Beeinträchtigung von vornherein darauf verzichten. Grundsätzlich sind eine möglichst frühzeitige Antragstellung und die Nutzung von Beratungs- und Informationsangeboten immer zu empfehlen.

6.3 Arbeitslosengeld, Sozialhilfe und Eingliederungshilfe

Wer in Vollzeit studiert, hat in der Regel keine Ansprüche auf Leistungen nach dem SGB II (Arbeitslosengeld) oder dem SGB XII (Sozialhilfe), da ein Vollzeitstudium als BAföG-förderungswürdig gilt. Ob die Studierenden tatsächlich BAföG erhalten oder nicht, ist dabei unerheblich. Dennoch können in Ausnahmefällen Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch infrage kommen, beispielsweise im Rahmen der Eingliederungshilfe. Mögliche Kosten, die auf diese Weise gedeckt werden können, sind die Kosten für persönliche Assistenzen, Fahrtkosten oder auch Kosten für die Erlangung einer eigenen Fahrerlaubnis. Auch Darlehen zur Finanzierung des Lebensunterhalts oder für Mehrbedarfe sowie Wohnzuschüsse können in Einzelfällen gewährt werden.

Als problematisch kann sich die Beantragung solcher Zuschüsse besonders dann erweisen, wenn sie nur solchen Bedürftigen gewährt werden, die laut § 8 Abs. 1 SGB II „dauerhaft nicht erwerbsfähig“ sind. Denn wer „dauerhaft nicht erwerbsfähig“ ist, für den besteht auch kaum Aussicht auf „Eingliederung“. Es empfiehlt sich daher, vor einer Antragsstellung eine umfassende Beratung in Anspruch zu nehmen. Wer nur für einen absehbaren Zeitraum nicht erwerbsfähig ist, keine Möglichkeit zur Eigenfinanzierung hat und beispielsweise wegen Erkrankung sein Studium länger als drei Monate unterbrechen muss, hat dagegen regulär Ansprüche auf Leistungen nach SGB II oder SGB XII.

6.4 Kindergeld auch nach dem 25. Lebensjahr möglich

Kindergeld wird unabhängig vom Einkommen der Eltern an Studierende gezahlt, die sich in einer Erstausbildung befinden und das 25. Lebensjahr noch nicht abgeschlossen haben, und zwar auch dann, wenn sie nebenberuflich arbeiten. Wer dagegen ein Folgestudium aufnimmt, darf eine nebenberufliche Tätigkeit nur im Umfang von höchstens 20 Stunden pro Woche nachgehen, will sie oder er die Kindergeldansprüche nicht verlieren. Der Anspruch kann für Studierende mit Beeinträchtigung über das 25. Lebensjahr hinaus bestehen, wenn die Beeinträchtigung vorher bereits bestand und nachweislich dazu führt, dass die Betroffenen „wegen körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung außerstande“ sind, „sich selbst zu unterhalten“. Auch im Krankheitsfall wird das Kindergeld maximal 6 Monate weitergezahlt, anschließend jedoch nur, wenn durch ein amtsärztliches Attest nachgewiesen wird, dass die Ausbildung „in absehbarer Zeit“ weitergeführt werden kann.

6.5. Nachteilsausgleiche und Kostenminderung

Den finanziellen Erschwernissen durch einen Mehrbedarf stehen eine Reihe von Möglichkeiten für Studierende mit Beeinträchtigung gegenüber, sich von bestimmten Kosten ganz oder teilweise befreien zu lassen. So setzte sich das Deutsche Studentenwerk bereits 2004 dafür ein, dass behinderte Studierende von der Erhebung von Langzeitstudiengebühren grundsätzlich befreit bleiben, „wenn eine studienzeitverlängernde Auswirkung ihrer Behinderung oder chronischen Krankheit nachgewiesen werden kann.“ Ob und in welche Weise die Universitäten Gebühren erheben und wen sie davon ausnehmen, ist allerdings bundesweit nicht einheitlich regelbar, da dies in die Zuständigkeit der einzelnen Kultusministerien bzw. der Hochschulen selbst fällt.

Rundfunkbeitrag und kulturelle Teilhabe

Studierende, die BAföG erhalten, können sich grundsätzlich auf Antrag von der Verpflichtung, den Rundfunkbeitrag zu zahlen, befreien lassen. Für Studierende ohne BAföG-Berechtigung gilt dies auch dann, wenn sie taubblind sind. Die Möglichkeit eines reduzierten Beitrages besteht, wenn sie blind, gehörlos oder dauerhaft sehbehindert/gehörbeschädigt (mindestens 60 %) sind oder wenn eine Schwerbehinderung von mindestens 80 % vorliegt. Weitere Vergünstigungen bzw. Nachteilsausgleiche können zum Beispiel für den Besuch kultureller oder sportlicher Veranstaltungen und Einrichtungen (bei Vorlage eines Schwerbehindertenausweises) genutzt werden. Auch Telefongebühren oder die Hundesteuer werden Menschen mit Beeinträchtigung teilweise erlassen.

Zuzahlungen für medizinische Versorgung halbieren

Eine besonders schwere finanzielle Belastung ergibt sich für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung häufig aus den Kosten für die medizinische Versorgung und für die Anschaffung notwendiger Hilfsmittel. Sind hierfür die Krankenkassen als Kostenträger zuständig, so gilt in der gesetzlichen Krankenversicherung generell eine Zuzahlungspflicht der Versicherungsnehmerinnen und -nehmer in Höhe von 2 % des Bruttoeinkommens. Liegt eine Behinderung oder eine dauerhafte Beeinträchtigung vor, so kann diese Obergrenze auf 1 % des Bruttoeinkommens gesenkt werden, vorausgesetzt, die Versicherten nehmen an regelmäßigen Gesundheitsuntersuchungen teil (Stichtage beachten!).

Exkurs: gesetzliche oder private Krankenversicherung?

Mit Studienbeginn müssen Studierende den Nachweis erbringen, dass sie Mitglied in einer gesetzlichen (GKV) oder privaten Krankenversicherung (PKV) sind. Häufig ist eine Mitgliedschaft in der Familienversicherung noch möglich, das heißt, Studierende, die ein bestimmtes Alter oder eine festgesetzte Zahl an Fachsemestern nicht überschritten haben, sind über die Krankenversicherung ihrer Eltern weiter mitversichert. Ist dies nicht der Fall, so stellt sich die Frage, ob eine gesetzliche oder eine private Krankenversicherung günstiger ist.

Grundsätzlich sind die Beiträge und Leistungen innerhalb privater Krankenversicherungen für Studierende häufig günstiger als die der gesetzlichen Krankenversicherung. Je nach Tarif wird beispielsweise auf Zuzahlungen ganz verzichtet, es werden bestimmte Hilfsmittel wie Brillen oder Hörgeräte erstattet und Zuschüsse zu Krankheitskosten gewährt. Da es sich hier aber nicht um ein der GKV vergleichbares Solidarprinzip handelt, herrschen deutlich strengere Aufnahmebedingungen als in der gesetzlichen Krankenversicherung. Menschen mit Beeinträchtigung werden zum Teil gar nicht oder nur bei Zahlung extrem hoher Beiträge aufgenommen. Daher wird ihnen generell eine Mitgliedschaft in der GKV empfohlen. Wer während des Studiums in der PKV familienversichert war, kann sich nach dessen Beendigung neu entscheiden, ob sie oder er Mitglied in der GKV werden will, da ein Wechsel zu diesem Zeitpunkt besonders einfach ist.

6.6 Stipendien, Bildungskredite und private Darlehen

Für Studierende mit Beeinträchtigung bestehen dieselben Möglichkeiten, ein Stipendium zu beantragen, wie für Studierende ohne Beeinträchtigung. Grundsätzlich lassen sich vier Arten von Stipendien unterscheiden: Stipendien zur Begabtenförderung, Aufstiegsstipendien, Deutschlandstipendien und Einzelstipendien, die durch Verbände, Vereine oder Stiftungen vergeben werden. Die Vergabe solcher Stipendien ist in der Regel mit dem Nachweis einer besonderen Begabung, ausgezeichneter Leistungen oder besonderen gesellschaftlichen Engagements verbunden. Führt dies für Studierende mit Behinderung zu Nachteilen bei der Beantragung von Stipendien, die durch öffentliche Mittel gefördert werden, so können Nachteilsausgleiche geltend gemacht werden. Die Suche nach geeigneten Stipendien kann z.B. über die Datenbank des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erfolgen: stipendienlotse.de

Letzter Ausweg: verzinste Darlehen

Die Zahl der Studierenden mit Beeinträchtigung, die auf einen Studienkredit oder ein Darlehen angewiesen sind, steigt mit dem Schweregrad der Beeinträchtigung. Kredite und Darlehen sollten generell erst dann beantragt werden, wenn keine anderen Möglichkeiten bestehen, das Studium zu finanzieren, da die Rückzahlungen anders als bei BAföG-Zahlungen nicht aufschiebbar sind und Zinsen anfallen. Zu unterscheiden sind Bildungskredite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und Studienabschlussförderungen des BAföG-Amtes von häufig zinsfreien Überbrückungskrediten, die durch die Studentenwerke bereitgestellt werden, und von immer verzinsten privaten Krediten, die von Banken und Sparkassen vergeben werden.